Chambray

Bayern trifft auf Japan und Amerika

September 15, 2016

Bei uns in Bayern ist zur Zeit ja Volksfest-Zeit. Die Zeit des Jahres wo in Bayern allerorts die Dirndl aus den Kleiderschränken gezogen werden. Ob Bayer oder Nicht-Bayer, das Dirndl ist seit einiger Zeit wieder total im Trend. Nicht dass mich das besonders interessieren würde, denn nichts und niemand hätte mich in den letzten dreißig Jahren in ein Dirndl bekommen, und sei der Trend auch noch so groß.
Denn im Dirndl fühle ich persönlich mich so, wie ein  Afrikaner in der bayrischen Lederhosen - total fehl am Platz. Aber Apropos Afrika und bayrische Tracht. Tatsächlich hat diese ungewöhnliche Verbindung mich auf den Geschmack eines Dirndls gebracht...



...Denn vor ca. fünf Jahren sah ich im Bayrischen Fernsehen einen Bericht über zwei afrikanische Schwestern, die in München leben, und dort ein kleines Atelier besitzen, in dem sie traditionelle Dirndl
aus farbenfrohen afrikanischen Stoffen schneidern. Diese Kombination hat mich schier umgehauen.
(Die Dirndl heißen Noh-Nee-Dirndl und wer sich die wunderschönen Designs anschauen möchte, sollte mal auf diese Seite schauen: www.dirndlalafricaine.com). Total verzückt von den traumhaften Farben, kombiniert mit ganz schlichten Dirndl-Schnitten, seufzte ich: "Soooo ein Dirndl möchte ich auch haben!"



Mein Mann schaute mich zweifelnd an. Er ist so etwas wie ein bayrisches Urgestein - und findet den derzeitigen Trachten-Hype einfach nur doof. Die afrikanischen Dirndl fand aber sogar er sehr schön.
Von meinem bayrischen Urgestein bekam ich also nur den Kommentar: "Willst Du jetzt auch bei den Pseudo-Trachtlern mitmachen?" Dabei hat bayrische Tracht bei mir sogar eine gewisse Tradition.
Ich bin zwar - obwohl in Bayern geboren -  von meinen Wurzeln her ziemlich unbayrisch.



Meine Mama ist eine in Bayern gestrandete Böhmin, und mein Papa, ist ein in Bayern gestrandeter Französisch-Saarländer (der Franzose in ihm ist unverkennbar, denn er trägt ununterbrochen einen schwarzen Schnauzbart und ein schwarzes Barett, und unter seinem Arm fehlt optisch nur noch
das französische Baguette).



Aber, meine liebe böhmische Mama hatte eine Liebe zur bayrischen Tracht - und so kam es, dass an meiner heiligen Kommunion - ein sehr wichtiger Feiertag in einer bayrischen Kleinstadt - also, dass an diesem wichtigen Tag, eine lange Reihe kleiner Mädchen in langen weißen Kleid, unterbrochen wurde,
von einem kleinem blauen Punkt. Dieser kleine blaue Punkt war ich. Denn meine Mama hatte mich mit einem entzückendem kniekurzen blauen Dirndl benäht. Ich erinnere mich, als wäre es gestern, als ich Sonntags morgens, blitzblank gekämmt, mit meinem Dirndl vor der örtlichen Kirche erschien.
Ein Kreischen ging durch die schneeweiße Mädchen-Menge. "SOOOONJAAAA - deine Waden sind ja nicht bedeckt!" Nicht bedeckte Waden sind etwas, dass sich nicht gehört, bei einer kleinstädtischen bayrischen Erst-Kommunion. Dass wissen die Böhmen und die französischen Saarländer halt nur leider nicht...



Und so war ich an meiner Erst-Kommunion das einzige nicht-bayrische sprechende Mädchen, dafür aber im kniekurzen Dirndl. Es war mir damals ein bisschen unangenehm, dass muss ich zugeben, dafür finde ich es heute um so toller.
Meine Familie war halt damals schon etwas unorthodox christlich - und wenn mich heute jemand fragt welcher Konfession ich angehöre, antworte ich deshalb auch gerne "Buddchrist".



Wie schließt sich nun bei dieser Geschichte der Kreis?
Der Wunsch ein Dirndl zu besitzen, war also nach diesen langen dirndllosen Jahren bei mir wieder geweckt. Da ich lange nicht genäht habe, ruhte dieser Wunsch in einem stillen Kämmerlein.
Afrikanische Dirndl konnte ich mir leider nicht leisten - und ich bin auch nicht sicher ob mir diese farbige Pracht stehen würde.
Aber jetzt, da ich mit dem Nähen wieder angefangen habe, stand es fest. Ich werde mir ein Dirndl selber nähen. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, es ist wieder Blau geworden, wie mein damaliges Dirndl.

Meine Vorstellungen von dem Dirndl waren: Es sollte schlicht sein, eher Magd als Prinzessin, eher alt und verwaschen als glänzend und glitzernd. Puffärmel nur ganz dezente kleine, und auf jeden Fall waschbar.
Und so wurde doch noch ein multikulturelles Dirndl daraus:
Denn der Schnitt ist schlicht und bayrisch, der Stoff ist ein ganz weicher amerikanischer Chambray und die Schürze ist ein japanischer Kirschblüten-Stoff. Ich finde das Jeansblau mit dem lila-braunen Kirschblüten-Stoff so wunderbar, dass ich gleich noch eine Tunika aus der Kombination genäht habe.

Achja, das Dirndl ist wirklich schön geworden. Ich habe richtig vorbildlich und ordentlich gearbeitet, mit Paspel und Futter, und kann mit dem Ergebnis meiner Meinung nach zufrieden sein.
...Ich weiß nur nicht ob ich es jemals tragen werde...
Denn, obwohl ich alles so gemacht habe, wie ich es mir gewünscht habe, ich fühle mich im Dirndl immer noch wie eine Afrikaner in bayrischen Lederhosen - irgendwie fremd.



Naja was soll man bei diesen Wurzeln machen?
Ein französisches Barett aufsetzen -und zufrieden sein!

Liebe Grüße,
Eure Sonja
 


Der Dirndl-Schnitt ist ein Burda-Online-Schnitt (NR. 124-092014-DL).
Das Rockteil hat sogar Seitentaschen, dass finde ich sehr praktisch.
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Die Tunika ist ein Schnitt von Lillesol & Pelle (Schnittmuster "Evita").
Ich habe den Schnitt nur um ca. 20 cm verlängert, quasi auf Kleid-Länge.
Ich finde den Schnitt richtig toll, der hat das Zeug zum Lieblings-Schnitt.
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Stoffe:
Dirndl: Chambray "Dot" - Robert Kaufmann
Schürze und Tunika-Einsatz: Cosmo - Kirschblüten (matt lila) von tumult-stoffe
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Mütze: selbst gestrickt (Cashsilk von Lana Grossa)
Klapprad: original 70er-Klappi (bei ebay gesteigert)
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Bluse: Almsach (vom Flohmarkt)
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Fotograf: Das bayrische Urgestein (mein Mann)

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